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Dr. Sylvie Strudel im Interview


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Im Interview berichtet Dr. Sylvie Strudel, Fellow der DVA-Stiftung, über ihre Forschungsschwerpunkte 

Sehr geehrte Frau Prof. Dr. Strudel, Sie werden im Sommersemester als Gastprofessorin an der Universität Stuttgart forschen und lehren. Haben sie persönliche Verbindungen zu Deutschland? Inwiefern hat die deutsch-französische Perspektive - wenn es so etwas überhaupt gibt - Ihre Forschungen geprägt?

In Deutschland fühle ich mich durchaus ein bisschen „wie zu Hause“. Ein Teil meiner Familie stammt aus der Gegend von Bielefeld. Als ich dann drei Jahre am Centre Marc Bloch in Berlin und am Frankreich Zentrum der TU-Berlin forschte, wurde mir bewusst, dass meine persönliche Geschichte Wurzeln auf beiden Seiten des Rheins hat. Vor diesem Hintergrund könnte man tatsächlich meinen, dass meine Forschungen über das politische Verhalten von Einwanderern und die europäischen Bürger aus einer Erfahrung des Hüben und Drüben erwachsen. In meinen letzten Arbeiten habe ich zu zeigen versucht, inwiefern die nationalstaatlichen kulturellen Prägungen tatsächlich die Einstellungen der Bürger zur EU formen.

Dieses Thema der „citoyenneté“ wird ein zentraler Punkt Ihrer Lehrtätigkeit sein. Um was genau geht es Ihnen bei diesem großen Thema?

Seit einigen Jahren hat die EU sich ja – wenn auch nicht in jedem Falle faktisch, so doch auf der Ebene der Rhetorik ganz eindeutig – sehr ehrgeizige politische Ziele gesetzt. Der Vertrag von Maastricht hat in 1992 ausdrücklich einen europäischen Bürgerstatus in das Gemeinschaftsrecht eingeführt : die Unionsbürgerschaft. Diese Frage interessiert mich, und zwar sowohl aus einer Perspektive „von oben“ wie auch „von unten“. Für die politische Theorie ist die Debatte über eine mögliche europäische Identität oder eine mögliche „stille, kosmopolitische Revolution“ im Sinne Marcel Gauchets sehr spannend. „Von unten“ und aus einer soziologischen Perspektive habe ich in meinen Forschungen untersucht, inwiefern diese  neuen Rechte wahrgenommen werden, besonders die politischen Rechte, beispielsweise das Recht, das jedem Unionsbürger mit Wohnsitz in einem Mitgliedstaat, dessen Staatsangehörigkeit er nicht besitzt, das aktive und passive Wahlrecht bei Kommunalwahlen und bei den Wahlen zum Europäischen Parlament in seinem Wohnsitz zu denselben Bedingungen wie den Angehörigen des betreffenden Staates verleiht. Im Moment findet so etwas noch in geringem Umfang und eher zögerlich statt. Dennoch erkennt man hier Ansätze zu einem neuen, durchmischten Staatsbürgerverständnis, das die von Thomas Risse geprägte Metapher des „Marmorkuchens“ durchaus plausibel erscheinen lässt. 

Finden Sie, dass ihr Fach – die Politikwissenschaft – in Deutschland und Frankreich verschieden betrieben wird? Oder gibt es hier längst internationale Standards, die sich überall angleichen?

Man muss hier zwischen dauerhaftem Beharren einerseits und Prozessen der Akkulturierung andererseits unterscheiden. Mit anderen Worten: Zwar gibt es verschiedene Sichtweisen (andere Themensetzungen, sogar andere Meinungsverschiedenheiten), auch andere Arbeitsweisen. Aber es reicht, zu den großen Fachtagungen (dem European Consortium for Political Research oder der International Political Science Asssociation) zu fahren, um zu sehen, dass trotz aller Divergenzen im Einzelnen große Konvergenzen bestehen. In jedem Fall freue ich mich sehr im Rahmen meiner Gastprofessur die Möglichkeit zu haben, mit meinen deutschen Kollegen aus der Politikwissenschaften und aus den Geisteswissenschaften arbeiten zu dürfen aber auch interessierte Studierende kennenzulernen.

Eine Letzte Frage nach einer persönlichen Einschätzung: Die von Präsident Sarkozy und Bundeskanzlerin Merkel verabschiedete Agenda 2020 soll der deutsch-französischen Kooperation neuen Schwung verleihen. Ist das aus Ihrer Sicht realistisch oder wird das deutsch-französische Tandem in einer sich stetig vertiefenden europäischen Integration zwangsläufig an Bedeutung verlieren?

Nach anfänglichen Schwierigkeiten hat sich die Zusammenarbeit zwischen Bundeskanzlerin Merkel und Präsident Sarkozy aus meiner Sicht seit 2009 deutlich verbessert. Der Vertrag von Lissabon gibt jetzt einen neuen institutionellen Rahmen vor und ermöglicht es, neue Verantwortliche an die Spitze der EU zu setzen. Auch hat das EU-Parlament nun neue Kompetenzen. Darin sehe ich die Möglichkeit, die Rolle der deutsch-französischen Partnerschaft in der EU neu zu unterstreichen. Abgesehen von differierenden Einschätzungen was die Rolle der EU und die ökonomischen Herausforderungen im Einzelnen angeht,  muss man das deutsch-französische Tandem als eine „ardente obligation“ betrachten.
(FH)

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