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Dr. Marc Wolfram im Interview


Marc Wolfram

Der Fellow der Breuninger-Stiftung Dr.-Ing. Marc Wolfram im Interview

Herr Dr. Wolfram, Sie haben eine Qualifikation als Architekt und Stadtplaner einerseits und als Sozial- und Politikwissenschaftler andererseits. Dies deutet bereits darauf hin, dass Sie sehr interdisziplinär orientiert sind. Wie würden Sie Ihr Forschungsinteresse definieren?

In meiner Arbeit geht es mir um eine Weiterentwicklung des (Selbst-)Verständnisses von Stadt- und Regionalplanung in Theorie und Praxis. Wir leben in einer verstädterten Welt. Um eine Annäherung an eine nachhaltige Entwicklung zu ermöglichen, brauchen wir Konzepte und Instrumente, mit denen wir urbane Räume und Lebensqualitäten, sowie ihre enge Verflechtung mit globalen Problemlagen, bewusster gestalten können. Planung ist zwar seit jeher um eine zielgerichtete Beeinflussung bemüht, doch muss sie stets dem gesellschaftlichen und ökologischen Wandel angepasst agieren, um wirksam zu sein. Dies hat dazu geführt, dass sie sich aus der Ecke der ökonomischen und ingenieurwissenschaftlichen Rationalität heraus stärker auch sozial-, politik-  und naturwissenschaftlichen Erkenntnissen zugewandt hat. Hier besteht nach wie vor ein großes Potenzial.

Stadtentwicklung findet heute vor dem Hintergrund sehr widersprüchlicher Anforderungen statt: ökologische, soziale und ökonomische Aspekte sind nicht immer leicht zu versöhnen. Sind die bestehenden planerischen Instrumente überhaupt geeignet, um die erforderlichen Abwägungs- und Aushandlungsprozesse zu gestalten?

Nur sehr bedingt – es ist geradezu ein zentrales Dilemma der Planung, dass sie die enorm gewachsenen Herausforderungen einschließlich der damit verbundenen Unsicherheiten und Risiken mit sehr eng begrenzten Mitteln bewältigen muss. Neben die regulativen Pflichtaufgaben (z. B. Bauleitplanung, Luftreinhalteplan) treten daher immer häufiger freiwillige und informelle Planungen, die bestehende Lücken schließen (z. B. Verkehrsentwicklungsplan, regionale Einzelhandelskonzepte) oder neue Handlungsfelder besetzen müssen (z. B. Klimaschutzkonzept, Demografiekonzept), und dazu verstärkt die Akteure und Betroffenen mit einbinden. Diese Ansätze weisen aber v. a. auf die konzeptionellen und methodischen Defizite des bestehenden Instrumentariums hin und stellen bei weitem noch keine flächendeckende Praxis dar - insbesondere nicht bei inter-kommunalen Planungen.

Ihre Arbeit ist sehr international ausgerichtet. Was können wir denn von anderen Ländern bezüglich der Stadt- und Regionalplanung lernen? Gibt es so etwas wie „leuchtende Beispiele“?

Städte sind letztlich immer einzigartig und die Übertragbarkeit von Lösungsansätzen wird durch unterschiedliche nationale Rahmensetzungen und Kulturen natürlich weiter eingeschränkt. Dennoch kann man im Ausland, je nach betrachteter Problemlage, viele gute Anregungen finden, gerade weil die Herangehensweisen sich oft grundlegend unterscheiden. Städte wie Barcelona, Amsterdam, Lyon oder Stockholm haben ihre Innovationsfähigkeit immer wieder unter Beweis gestellt und dabei in einer ganzen Reihe von Handlungsfeldern beachtliche Erfolge erzielt. Wesentlich waren hier immer strategische Ansätze und eine enge Kooperation vielfältiger Akteure. Aber auch nationalstaatliche Interventionen können richtungsweisend sein. So ist beispielsweise die Gesetzgebung zur Regelung der Stadtverkehrsplanung in Großbritannien in vielerlei Hinsicht von erheblichem Interesse (z. B. Anreizsystem zur Einhaltung von Qualitätsstandards, Orientierung an realen Verflechtungsräumen statt an kommunalen Grenzen). 

Wie immer man zum Projekt „Stuttgart 21“ stehen mag: Man wird kaum behaupten können, hier sei ein erfolgreiches Projekt geschaffen worden, das sich auf einen breiten Konsens stützt. Was macht diesen Fall eigentlich so schwierig?

Die vielen Strittigkeiten, welche heute das Bild von „Stuttgart 21“ prägen, gehen meiner Ansicht nach auf zwei grundlegende Probleme zurück: Erstens fehlt eine Einbettung dieses sehr großen Projektes in einen offenen Dialog zur zukünftigen Entwicklung der Region Stuttgart unter Beteiligung aller Akteure. Ausgangspunkt war ja nicht eine allgemein anerkannte Problemlage oder Zielsetzung von Stadt oder Region, sondern das Vorhaben der privatwirtschaftlich agierenden Bahn, den Knoten Stuttgart gewinnbringend umzugestalten – das ist wesentlich und sollte nicht übersehen werden. Das zweite Grundproblem ist die viel beschworene „Synergie“ - also die Nutzung der frei werdenden Flächen zur Finanzierung - weil mit dieser Hypothek auf die Zukunft entscheidender Handlungsspielraum verloren gegangen ist. Beides hat von Beginn an den Blick auf alternative Optionen und kollektive Interessen versperrt.
(FH)
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