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Dr. Jörn von Lucke im Interview


Joern von Luecke

Der Fellow der Alcatel-Lucent Stiftung für Kommunikationsforschung Dr. Jörn von Lucke im Interview

Herr Prof. von Lucke, Sie haben sich in Ihren Forschungsarbeiten intensiv mit den Möglichkeiten des E-Government auseinandergesetzt. Zudem haben Sie zahlreiche Erfahrungen in politischen Gremien und Fachausschüssen sammeln können. Wie ist ihre Einschätzung: Stehen wir erst ganz am Anfang einer Neuorganisation unserer Verwaltungen oder sind die wesentlichen Durchbrüche bereits erfolgt?

Geschichtlich betrachtet stehen wir im Jahr 2010 immer noch ganz am Anfang einer lang anhaltenden Entwicklung, die auch die kommenden Jahrhunderte radikal verändern wird. Moderne Informations- und Kommunikationstechnologien haben bereits in den vergangenen Jahrzehnten Strukturen und Abläufe in Staat und Verwaltung nachhaltig verändert. Denken Sie etwa an die Verwendung von Telefon, Telefax und Internet in der öffentlichen Verwaltung. Die Web 2.0-Technologien, gerne auch soziale Medien genannt, werden dieser Entwicklung einen Schub in Richtung Transparenz, Bürgerbeteiligung und Zusammenarbeit geben. Die Bürger müssen heute nicht mehr Informatik studiert haben, um Blogs, Twitter, Wikis oder YouTube bedienen und mit eigenen Beiträgen füllen zu können. Soziale Netzwerke haben weite Verbreitung gefunden und erleichtern die Selbstorganisation. Offene Ideen- und Innovationsplattformen werden auch für die Verwaltung neuartige Angebote hervorbringen, die bestehende Strukturen in Frage stellen. Ich bin gespannt, was die kommenden Jahrzehnte uns bringen werden. 

Im Zentrum Ihrer Forschungen – und auch Ihrer Lehrveranstaltungen im Rahmen Ihres Fellowships an der Universität Stuttgart – steht das Thema Transparenz. Was genau haben wir uns unter Transparenz 2.0 vorzustellen?

Unter „Transparenz 2.0“ verstehe ich die Vision, Vorgänge und Entscheidungen in Politik, Verwaltung und Justiz von Außen mit Hilfe von Web 2.0-Technologien nachvollziehbar zu machen. Meiner Einschätzung nach wird dies durch neuartige Gemeinschaften im Sinne sozialer Netzwerke, transparent angelegte Informationssysteme und gemeinschaftliche Formen des Editierens von Texten und Beiträgen geprägt werden. Transparenz 2.0 wird sich aber auch durch freie Daten (Open Data) auszeichnen. Zu allen nicht-personenbezogenen und allen nicht geheimen Daten und Informationen der öffentlichen Verwaltung wird künftig ein freier Zugang bestehen: Haushalte, Statistiken, Geodaten, Karten und Publikationen. Viele Datenbestände werden offen zugänglich sein, ohne Diskriminierungen und Einschränkungen beim Zugriff. Dazu müssen Primärquellen bereitgestellt werden, vollständig und zeitnah nach ihrer Generierung. Sämtliche Datenbestände sollen zudem maschinell lesbar und weiter verarbeitbar sein. Grundsätzlich muss eine Weiterverbreitung und Folgenutzung der Daten sichergestellt werden. Dies vereinfacht nicht nur den Zugang zu den bereitgestellten Datenbeständen, sondern bringt auch neuartige Anwendungen auf Basis dieser Daten hervor, etwa eine kartenbasierte Verknüpfung mit Google Maps, ermöglicht tiefer gehende Analysen und erleichtert Forschungsarbeiten. Gerade außerhalb der Verwaltung existiert ein großes Potential kreativer Köpfe, die die vorhandenen Daten veredeln und mit innovativen Anwendungen neue Arbeitsplätze generieren könnten. Ohne ein offenes politisches Bekenntnis zu mehr Transparenz und Offenheit und eine entsprechende Umsetzungsstrategie ist Transparenz 2.0 in Deutschland aber nicht zu erwarten.

Technische Innovationen haben immer auch kulturelle Auswirkungen. Glauben Sie, dass die Transparenz 2.0 das Verhältnis der Bürger zu ihrem Staat grundlegend ändern wird? Sehen Sie etwas wie eine E-Democracy am Horizont?

Transparenz 2.0 kann in Deutschland das Verhältnis der Bürger zu ihrem Staat grundlegend verändern: Offenheit und jederzeitige Akteneinsicht helfen, das Vertrauen zu stärken und Bürger zu gleichberechtigten Partnern zu machen. Für die deutsche Verwaltungskultur, die in den vergangenen Jahrhunderten von Amts-, Dienst- und Staatsgeheimnissen geprägt wurde, bedeutet dies einen verwaltungskulturellen Umbruch. Die Technik für transparente Angebote ist mittlerweile vorhanden. Politik und Verwaltung müssen sich mit der Frage auseinandersetzen, in welche Richtung sich Staat und Verwaltung im Zeitalter sozialer Medien weiterentwickeln sollen, welchen Stellenwert Transparenz künftig bekommen wird und wo Grenzen zu setzen sind. Im Kontext der E-Democracy muss geklärt werden, welche Formen von Bürgerbeteiligung technisch realisiert werden könnten und welche davon politisch gewünscht sind. Das Portfolio zwischen Information, Konsultation, Beteiligung, Zusammenarbeit und gemeinsamer Entscheidung ist gewaltig. Neuartige Konzepte wie Liquid Democracy werden bestehende Strukturen und Abläufe hinterfragen. Hier muss es auch darum gehen, ergebnisoffen über eine konstruktive Weiterentwicklung unseres demokratischen repräsentativen Systems nachzudenken. 

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