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Ursprünge der Moderne

Seit Max Weber die Frage, wie es zu der Sonderentwicklung Europas gekommen sei, zum Programm erhob, sind viele widersprüchliche Antworten darauf versucht worden, so daß man zögern mag, ihnen eine weitere hinzuzufügen. Die Diskussion über die Moderne als historische Epoche hat aber dieser Frage eine neue Form und Virulenz gegeben. Was versteht man heute unter "Moderne" und wie kann man die Anfänge eines so komplexen Phänomens ausmachen? In der Geschichtsschreibung haben sich als Epochenschwelle zur Moderne zwei Zeiträume herauskristallisiert, die Renaissance [vor allem mit Hegel, Michelet und Burckhardt] und das ausgehende 18. Jahrhundert. Wenn der Versuch einer neuen Bestimmung der Moderne und ihrer Entwicklung bei der Renaissance ansetzt, so deshalb, weil sich in der Forschung der letzten Jahre ein neues Bild der europäischen Frühen Neuzeit abzeichnet, das Implikationen für den gesamten Prozess der Moderne hat. Die Renaissance war nicht nur eine Epoche des Übergangs von der Scholastik zur klassischen Moderne [E. Cassirer], sondern eine epistemologische Formation und kulturelle Figuration mit eigener Struktur. Sie entfaltete ein Spektrum von Möglichkeiten des Denkens und Handelns, das die Geschichtsschreibung der klassischen Moderne nicht wahrzunehmen vermochte. 
Diesen Prozess der Erfindung der Moderne in der Frühen Neuzeit möchte das Projekt sichtbar machen. Ein so komplexes Phänomen hat jedoch viele Ursprünge. Die Frage nach den Ursprüngen der Moderne führt über den Zeitraum der Frühen Neuzeit hinaus. Das neue Bild der antiken Philosophie, das sich in der Forschung der letzten Jahre abzeichnet, insbesondere das Verhältnis von Metaphysik, Rhetorik und Sophistik, hat auch den Blick für die Aneignung der Antike in der Renaissance geschärft und fordert eine Revision des bisherigen Bildes. Ein weiterer Schwerpunkt des Projekts ist das Verhältnis der Frühen Neuzeit zur Gegenwart. In mancher Hinsicht scheint das 20. Jahrhundert dem 16. Jahrhundert näher als den zwei Jahrhunderten der sogenannten klassischen Moderne. 
Die Arbeit an den bisherigen Fragen hat dazu geführt, für eine Erweiterung des Begriffs der Moderne zu plädieren. Es hat sich deutlich gezeigt, daß man es bei der Untersuchung der vielfachen Ursprünge der Moderne mit Prozessen zu tun hat, die ihre Wurzeln schon in der Antike haben. Zum anderen legt die Affinität zwischen den epistemologischen Strukturen der Frühen Neuzeit und dem, was heute als Postmoderne apostrophiert wird, nahe, daß es sich um eben jene Aspekte der Moderne handelt, die von der klassischen Moderne marginalisiert wurden, bzw. um Prozesse, die durch bestimmte Präferenzbildungen verlangsamt wurden. Diese epistemologischen Substrukturen sollen in der weiteren Arbeit zunehmend sichtbar gemacht werden, um so den Begriff der Moderne um ihre verdrängten Voraussetzungen zu erweitern. 

In der ersten Arbeitsphase war das Ziel des 1992 begonnenen Projekts eine Revision des Begriffs der Moderne, um unter Berücksichtigung der vielfältigen Aspekte des Fortwirkens der Antike in der Moderne und der Moderne in der sogenannten Postmoderne zu einer erneuerten und erweiterten Konzeption des Begriffs der Moderne zu gelangen. Im Mittelpunkt der ersten Kolloquien stand daher insbesondere die Renaissance, da hier die Konfrontation von Tradition und Moderne, Krise und Morphogenese besonders scharf konturiert ist. 
Mit den bisherigen Arbeiten zeichnet sich ab, daß das herkömmliche Bild der Renaissance in entscheidenden Aspekten revidiert werden muss. Es handelt sich nicht nur um eine Zeit der Krise, die zur sogenannten klassischen Moderne hinführt, sondern vielmehr um eine Epoche, die mit den Begriffen des Modells und der Hypothese, den Verfahren, die sie entwickelt, um mit Widerspruch und Heterogenität umzugehen, der Skepsis gegenüber dem Begriff des Ganzen etc. eine epistemologische Struktur eigener Art darstellt. Sie stellt sich zudem als ein Zeitraum der Entstehung einer Fülle neuer Formen und theoretischer Modelle dar, deren oft wenig beachtetes Fortwirken gerade in den aktuellen Debatten heute wieder aufzuspüren ist. 
Bisher untersuchte Fragen betreffen die Bedeutung der Rhetorik, die Entwicklung a-teleologischer Formen der Zeit im Bereich des Wissens, des Handelns und der Kunst, die komplexe Beziehung von Dialogizität und Diskursivität, das Ausloten des Spielraums der phantasia als moderne Selbständigkeit von Kreativität und Deutung, die Entstehung konkurrierender neuzeitlicher Entwürfe des Subjekts vor und neben Descartes, die Rolle von Geheimnis und Entzifferung in Sprache und Wahrheitsbestimmung, sowie die möglichen Modelle der Geschichtsschreibung von Krise und Moderne, die sich durch eine kritische Lektüre der Ansätze von Foucault, Blumenberg und Cassirer entwickeln lassen. 
Die in der ersten Phase gestellten Fragen werden daher aus einer neuen Perspektive aufgegriffen. Zum einen sollen das Netz der Begründungsdiskurse, das sich in der Frühen Neuzeit herausbildet, die Aneignungsstrategien der Traditionen aus Antike und Mittelalter, die dabei ins Spiel kommen, und die entscheidenden Faktoren, die die neuen Strukturen bestimmen, unter weiteren Aspekten und in interkultureller Perspektive untersucht werden. 

Zum anderen wird übergreifenden Fragen ein stärkeres Gewicht eingeräumt, mit denen der Prozess der Moderne als Ganzes in den Blick kommt - die Moderne als ständiger Prozess des Sicherfindens steht im Zentrum der zweiten Arbeitsphase. In Vorbereitung sind hierzu Kolloquien über die reziproke Konstruktion von Antikenbildern und Entwürfen der Moderne, die vergleichende Betrachtung der konkurrierenden Anfänge der Neuzeit in Renaissance und Aufklärung, die Untersuchung von kulturellen Strategien und Funktionen von Modellbildung, den Zusammenhang von traditio und inventio und die Rolle der Phantasie, sowie der technischen und ästhetischen Gestaltungsformen für die Episteme der Moderne, die Eröffnung von Handlungsspielräumen durch die In-szenierung und Theatralisierung von Subjekt und öffentlichem Raum, sowie die Formen des serio ludere und der Simulation als Faktoren der sich immer neu erfindenden Moderne.

Projektleitung:

Gisela Febel, Bremen
Gerhart Schröder, Stuttgart 

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