Italien-Zentrum

Prof. Georg Maag über das Italien-Zentrum


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Der Leiter des neuen Italien-Zentrums an der Universität Stuttgart, Prof. Dr. Georg Maag im Interview:

Das Italien-Zentrum wurde am 3.8.2006 durch die Unterzeichnung eines Kooperationsvertrages zwischen der Botschaft der Republik Italien, der Universität Stuttgart und der Landeshauptstadt Stuttgart eingerichtet. Im Interview äußert sich Prof. Maag zu den Aufgaben und Zielen.


Herr Professor Maag, worin bestehen die Aufgaben des soeben gegründeten Italien-Zentrums?

Das Italien-Zentrum wird die Arbeit des Italien-Schwerpunktes am Internationalen Zentrum für Kultur- und Technikforschung (IZKT) weiterführen, zugleich jedoch durch das Engagement der Vertragspartner auf ein neues Niveau heben. Dies bedeutet inhaltlich, dass wir weiterhin den deutsch-italienischen Austausch in den Wissenschaften fördern und zudem den Dialog in Kultur und Wirtschaft durch Gastvorträge, Tagungen und Foren beleben wollen. Das „Deutsch-italienische Forum“, bei dem deutsche und italienische Führungskräfte zusammentreffen, wird dabei eine zentrale Rolle spielen.


Worin sehen Sie die Herausforderungen in den deutsch-italienischen Beziehungen?

Nun, über die politischen Beziehungen will ich mich nicht unbedingt äußern. Das ist die Aufgabe der Politiker, die, soweit ich das beurteilen kann, sehr gut erfüllt wird. Was die Beziehungen in den Bereichen Wissenschaft und Kultur angeht, so scheint mir vor allem auf deutscher Seite der Abbau gewisser festgelegter Vorstellungen wichtig.


Was meinen Sie damit?

Mein verehrter Kollege Gian Enrico Rusconi hat einmal gesagt, er habe es satt, geliebt zu werden. Was er damit meinte, ist, glaube ich, dass wir Deutschen uns davor hüten müssen, nur ein romantisches Bild von Italien zu pflegen. Ich glaube, dass die Begeisterung für Italien, die in Deutschland ja ungebrochen vorhanden ist, in der Tat die Gefahr in sich birgt, dass man sich eher in eine Klischeevorstellung verliebt, als in ein echtes Land, für dass man sich, mit allen Widersprüchen, wirklich interessiert. In diesem Sinne sehe ich meine Aufgabe als Vermittler auch durchaus darin, Vorurteile wegzuräumen. Italien ist eben nicht nur das Urlaubsland des dolce vita; es ist auch ein Land mit einer enorm innovativen Wirtschaft, die in vielen Bereichen nach wie vor Standards setzt. Und damit meine ich nicht nur die berühmte Modewirtschaft oder die bekannten Sportwagenfirmen, sondern den gesamten Bereich des Designs. Ich bin deshalb sehr glücklich darüber, dass wir im Rahmen des „Deutsch-italienischen Forums“ eine Verknüpfung mit der Sphäre der Wirtschaft herstellen können. 

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Ich brauche ihnen kaum zu beteuern, wie groß meine Liebe zu Italien ist, zur Kultur und Literatur dieses so faszinierenden Landes. Ansonsten hätte ich nicht mein ganzes wissenschaftliches Leben einem tiefergehenden Verständnis dieser Kultur und ihrer vielen Aspekte gewidmet. Aber zugleich darf die Liebe uns nie faul machen. Von der philosophischen Hermeneutik haben wir gelernt, dass Verstehen ein nie abgeschlossener Prozess ist. In diesem Sinne versuche ich selbst immer neugierig und für Überraschungen offen zu bleiben, und diese Einstellung auch meinen Studenten zu vermitteln.


Wo sehen Sie als Leiter der Italianistik in Stuttgart die Schwerpunkte in der hiesigen Lehre? Gibt es ein besonderes Profil der Italianistik in Stuttgart?

Ich hatte ja bereits angedeutet, dass ich einerseits in der hermeneutischen Tradition meine Heimat sehe. Insofern geht es zunächst einmal um eine solide literaturwissenschaftliche Ausbildung und eine handwerkliche Arbeit an den Texten. Das Erlernen der italienischen Sprache ist dafür eine notwendige Bedingung; aber die Sprachausbildung ist in keiner Weise hinreichend. Neben dem sprachlichen Handwerkszeug und der literaturwissenschaftlichen Ausbildung versuche ich den Studierenden so etwas wie eine interdisziplinäre Horizonterweiterung zu vermitteln. Ein solches Interesse an der italienischen Kultur insgesamt setze ich übrigens bei meinen Studierenden voraus: Wer Italianistik studiert, der sollte sich auch für italienische Kunst, die italienische Oper und das italienische Kino interessieren.

Der Begriff Interdisziplinarität soll dabei keine modische Attitüde bezeichnen, sondern eher eine Grundeinstellung wie sie in der Generation großer Geisteswissenschaftler wie Erwin Panofsky oder Erich Auerbach selbstverständlich war. Ich will mich nicht mit diesen Heroen vergleichen, aber ich glaube, dass man hier eine Selbstverständlichkeit im interdisziplinären Austausch am Werke sieht, die man sich zum Vorbild nehmen sollte. Meine Studenten halte ich entsprechend dazu an, über den Tellerrand hinauszuschauen. Die Veranstaltung am Italien-Zentrum sollen in diesem Sinne auch die Lehre bereichern.


Am Internationalen Zentrum für Kultur- und Technikforschung und in Ihren eigenen Arbeiten geht diese Interdisziplinarität aber noch weiter, nämlich in Richtung der Technik- und Ingenieurwissenschaften.

Ja, in der Tat bemühe ich mich hier mit meinen Kollegen um einen Brückenschlag. Übrigens liegt dieser ja im Falle der Italianistik besonders nahe: Wo könnte man die Verbindung von technischer und kultureller Innovation besser beobachten als in der italienischen Renaissance mit ihren Künstler-Ingenieuren? Aber ähnliche Verbindungen lassen sich auch bei aktuellen Themen finden. Vor einigen Jahren veranstaltete der Italien-Schwerpunkt eine Tagung über die Mediendemokratie am Beispiel Italiens. Auch hier spielen technische Innovationen eine enorme Rolle und man kann die Rückwirkungen auf die politische Kultur sehr gut beobachten.


Warum eignet sich denn ausgerechnet Stuttgart als Standort für ein Italien-Zentrum?

Ich glaube, Stuttgart eignet sich vorzüglich, und zwar nicht nur, weil wir in Stuttgart viele Einwanderer italienischen Ursprungs und eine lebendige italienische community haben. Ein wichtiger Faktor scheint mir auch zu sein, dass der Stuttgarter Raum als einer der stärksten Wirtschaftsregionen Europas natürlich intensiven wirtschaftlichen Austausch mit Italien unterhält. Da die Unterstützung durch den italienischen Botschafter, den Ministerpräsidenten und den Oberbürgermeister von Herzen kommt, bin ich sehr optimistisch und hoffe, dass wir mit der Gründung des Italien-Zentrums einen Anfang setzen, aus dem noch vieles entstehen kann.


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