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Prof. Dr. Jean-Luc Battaglia im Interview


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Herr Dr. Battaglia, Sie unterrichten sowohl an der Universität als auch an der ENSAM, der Ecole Nationales des Arts et des Métiers, eine der wichtigsten „grandes ecoles“  für Ingenieure. Haben Sie den Eindruck, dass es eine französische Herangehensweise im Ingenieurwesen gibt, einen typisch französischen Blick, der auf die kartesische Tradition der methodischen Klarheit zurückgeht?

Nun, die „grandes écoles“ stammen ja aus der Epoche der französischen Revolution und sind in der Tat aus der emphatischen Zielsetzung heraus errichtet worden, mit gut ausgebildeten Bürgern ein neues Zeitalter des Fortschritts einzuleiten. Auch heute noch speist sich das Prestige dieser Hochschulen aus dieser Tradition. Auch scheint mir eine gewisse Tradition der Exzellenz und Genauigkeit nach wie vor typisch. Im Zeitalter der Globalisierung wird jedoch zugleich der internationale Austausch immer wichtiger – auch schon in der Ausbildung. Viele Großprojekte sind ja nur noch international machbar und das bedeutet, dass man heute als Ingenieur auch interkulturelle Kompetenzen braucht und global einsetzbar sein muss. Wie genau in der Ausbildung der Ingenieure das Verhältnis von Forschung, Lehre, Universitäten und „grandes ecoles“ zu definieren ist, wird momentan in Frankreich intensiv diskutiert. Wir suchen hier momentan neue Wege.

In welchen Bereichen werden Sie während Ihres Forschungsaufenthalts in Stuttgart hauptsächlich tätig sein?

Die Luft- und Raumfahrt steckt ja voll mit hochinteressanten Herausforderungen für Ingenieure, weil man hier Lösungen für extreme Situationen suchen muss. Die Universität Stuttgart verfügt auf diesem Gebiet über Institute von höchstem internationalen Renommée; die Ausbildung in diesem Bereich ist legendär. Berühmte Personen sind aus dieser Schule gekommen wie Wunibald Kamm, Ulf Merbold oder Ernst Heinkel, der ja ein wichtiger Pionier war. Mein Hauptaugenmerk liegt auf den thermischen Problemen, die sich in der Luft- und Raumfahrt in besonderem Maße stellen, weil hier sowohl extrem hohe als auch extrem tiefe Temperaturen vorliegen. Ich war bereits in gemeinsame Projekte mit dem Institut für Raumfahrtsysteme (IRS) eingebunden. Stuttgart ist sicher ein herausragender Ort, um in diesem Bereich neue Antworten zu entwickeln.  

In Deutschland stellt der Mangel an Nachwuchs im Bereich Ingenieurwesen ein großes Problem dar. Die Universitäten bemühen sich nach Kräften, kompetenten Nachwuchs in ihre Studiengänge zu locken. Auch die Dr. Karl Eisele und Elisabeth Eisele Stiftung vermittelt die Begeisterung für Technik im Rahmen einer eigenen Technikschule. Wie ist die Situation in Frankreich? Was können wir von Frankreich lernen? 

Auch in Frankreich – und übrigens auch in den anderen europäischen Staaten und den USA – geht der Anteil der Studienanfänger in den MINT-Fächern zurück. Es ist genau umgekehrt wie in den aufsteigenden Staaten, den sogenannten BRIC-Ländern. Es gibt sicher zahlreiche Gründe dafür, aber ich denke, dass die Produktionsverlagerung einen Faktor darstellt. Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass es reicht nur über die Lehrpläne nachzudenken. Aus meiner Sicht bedürfte es einer europäischen Strategie, um den gesamten Bereich der produzierenden Wertschöpfung wieder zu stärken und den Menschen vor Augen zu führen, dass der Ingenieur hier als Leitfigur entscheidend ist. Natürlich weiß man auf der Ebene der EU um das Problem und es gibt ja bereits intensive Bemühungen, große Projekte finanziell erheblich zu fördern. Vielleicht bedarf es auch noch eines deutlicheren Signals durch die großen Unternehmen, die den jungen Menschen anbieten müssen, auch in Europa als Ingenieur in der Produktion tätig zu sein. Das geht natürlich nur, wenn es im Zusammenspiel mit der Politik gelingt, produzierende Wertschöpfung in der EU zu halten oder gar zurückzubringen.

Wie sehen Sie die deutsch-französische Kooperation in diesem Bereich? Der Erfolg von EADS ist ja enorm, doch sind die politischen Initiativen in diesem Bereich ausreichend?

Ehrlich gesagt haben mich meine Erfahrungen im Bereich der internationalen Forschungskooperation gelehrt, dass es sehr auf den Willen und das Engagement konkreter Einzelpersonen ankommt. Ich arbeite intensiv mit Kollegen in ganz Europa zusammen und konnte mehr als ein Jahr in Italien forschen. Das Gute ist ja, dass es durchaus Möglichkeiten der Förderung auf verschiedenen Ebenen gibt, von der Förderung durch die eigene Universität bis hinauf zur EU. Eine erfolgreiche Zukunft ist in diesem Bereich nur möglich, wenn sich Einzelne engagieren – so etwas lässt sich nicht von oben nach unten anweisen. EADS ist in der Tat ein Beispiel für eine sehr erfolgreiche Kooperation. Zugleich kann man an diesem Fall sehen, dass, sobald es um große ökonomische Interessen geht, auch Interessenskonflikte auftreten. Realistisch gesehen bleibt uns als Europäern gar nichts anderes übrig, als damit vernünftig umzugehen. Daher bin ich insgesamt sehr optimistisch, was die Fortentwicklung europäischer Kooperationen in diesem Bereich angeht.


Die Fragen stellte Felix Heidenreich.

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