Über uns

Dr. Isabelle Guinaudeau im Interview


sw_Isabelle Guinaudeau Frau Dr. Guinaudeau, Sie haben eine von Anfang an deutsch-französisch angelegte akademische Karriere gemacht. Haben Sie das Gefühl, dass diese binationale Ausrichtung auch Ihre politikwissenschaftliche Arbeit bereichert?

In der Tat hatte ich seit dem Gymnasium eine deutsch-französische Laufbahn – deutsch als erste Fremdsprache, Abi-Bac, deutsch-französischer Studiengang von Sciences Po Bordeaux und der Universität Stuttgart parallel zum Studium der Germanistik, Dissertation in einem deutsch-französischen Graduiertenkolleg, Teilnahme an deutsch-französischen Forschungsprogrammen. Diese deutsch-französische Ausrichtung hat mich entscheidend beeinflusst: der größere Schwerpunkt auf Wissenschaft an der deutschen Universität hat mir die Freude an der Forschung vermittelt. Auch das Leben in einer nahen, aber in manchen Aspekten doch recht unterschiedlichen Gesellschaft stellt in Frage, was selbstverständlich erschien. Deutschland und Frankreich bieten aus historischen, sozialen, politischen und institutionellen Gründen ein faszinierendes Feld für vergleichende Forschung. Eine zusätzliche Bereicherung hat sich für mich von unterschiedlichen wissenschaftlichen Kulturen in der Disziplin der Politikwissenschaft ergeben.

Heute forschen Sie zum Verhalten von Parteien und deren Konkurrenz, zur Frage, ob Wahlversprechen eingehalten werden, aber auch zur Responsivität von Politik allgemein. Das sind alles hochaktuelle Themen. Wie sehen Sie die Debatte über die Krise der repräsentativen Demokratie?

Hier liegen meiner Meinung nach die wichtigsten Fragen, die sich heute stellen. Es ist unmöglich, die jetzigen tiefgreifenden Veränderungen nicht zu sehen. Symptome der Krise sind die Unzufriedenheit vieler Bürger mit ihrem politischen System und ihren Stellvertretern, abnehmende Wahlbeteiligung, der Erfolg von Protestparteien, die Schwierigkeiten der Regierungen, auf heutige Herausforderungen wie Klimawandel zu antworten, aber auch die Infragestellung multipler demokratischer Grundlagen in vielen Ländern. Politikwissenschaft hilft, die Krise besser zu erfassen und zu erklären. Zum Beispiel haben wir in einem Forschungsprogramm beobachtet, dass doch viel mehr Wahlversprechen eingehalten werden, als allgemein wahrgenommen wird. Es erscheint mir wichtig, zu verstehen, warum unsere Wahrnehmung so verzerrt ist und warum Wahlversprechen so viel Enttäuschung hervorrufen.

Ihr Festvortrag am 6. Dezember wird die Überschrift „EU vs. Demokratie?“ tragen. Nun wollen wir die Pointe Ihrer Arbeit nicht vorwegnehmen, doch das Thema ist so drängend und spannend: Wie sehen Sie den Prozess der europäischen Integration nach dem Brexit-Votum?

Die EU wird seit mehreren Jahren von multiplen Krisen erschüttert: es bleibt schwierig, gemeinsame Antworten auf Wirtschafts-, Umweltschutz- und Migrationsfragen zu finden und in fast allen Mitgliedsstaaten haben populistische, euroskeptische Parteien zunehmenden Erfolg. Diese Entwicklungen spiegeln die Tatsache wider, dass viele EU Bürger Angst vor den Folgen der internationalen Öffnung haben, ihre ideologischen Orientierungspunkte verloren haben und den Integrationsprozess als eine (zu) starke Souveränitätsabgabe empfinden. Es ist wichtig, die Konsequenzen der europäischen Integration für die Demokratie und die Politik genau zu erforschen. Die Brexit-Krise sollte uns insbesondere anregen, über die Wurzeln von Populismus nachzudenken: Ich bin fest davon überzeugt, dass die Zukunft der EU eng mit den Antworten auf die Herausforderung von Populismus verbunden ist. Gleichzeitig zeugt gerade die Repräsentation von euro-
skeptischen Parteien in europäischen Institutionen von ihrem demokratischen Charakter und die einmalige Politisierung der europäischen Politik kann von einem demokratischen Standpunkt aus als eine positive Entwicklung betrachtet werden.

Zum Abschluss vielleicht noch eine persönliche Frage: Auf was in Stuttgart freuen Sie sich besonders? Wissenschaftlich oder privat.

Ich bin sehr gespannt auf die Lehre an der Universität, die wie gesagt einen größeren Schwerpunkt auf Forschung als in meiner Heimatinstitution legt. Ich freue mich auch riesig auf den wissenschaftlichen Austausch mit meinen Stuttgarter Kollegen. Nicht zuletzt freut es mich, dass meine beiden Kinder die Gelegenheit haben, auf die deutsche Schule zu gehen. Ein sehr interessantes internationales Erlebnis auch für sie!

(Die Fragen stellte Felix Heidenreich.)

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